Der Westen verblutet

Blutwesten
April 27th, 2018
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„Im Zeitraum vom 07.05.2018 bis 14.10.2019 wird die Plagwitzer Brücke und die Karl-Heine-Straße gebaut und gesperrt.“ (Meldung auf leipzig.de)
Der Verkehr inklusive des ÖVPN wird absurd über eventuell Ungarn umgeleitet, was eher einer Beruhigung dienen soll, als einer wirklichen Umleitung.
Damit durchtrennt man die Aorta Leipzigs, die wichtigste Arterie der Stadt, die Verbindung des Herzens dieser blühenden Metropole zu ihrem kreativen Außenrevier voller künstlerische Authentizität im Westen. Die vermögenden Kulturtouristen aus dem Zentrum, die roten Blutkörperchen, um bei diesem wundervollen Bild zu bleiben, finden keinen Weg mehr, um mit ihrer Westmark – der Sauerstoff – die vielen Kulturstätten dort zu subventionieren.
Zuerst trifft es den Felsenkeller, die Schaubühne Lindenfels, das Cineding Leipzig und dann die Spinnerei Leipzig mit all ihren Akteuren. Wer noch wegziehen kann, zieht weg. Wer zu arm zum wegziehen ist, muss bleiben und sich eventuell mit seines gleichen fortpflanzen, ein Inzest des Prekariats, was den „downfall“ noch beschleunigt.
Einer riesigen Ruderal-Landschaft gleich, holt sich die Natur ihren „space“ zurück. Den Anfang machen Beifuß und Quecke. Zur Eröffnung des Theaterhauses auf der Spinnerei (LOFFT – Das Theater und Tanztheater) kann man in gar nicht so weiter Ferne Wölfe winken sehen. Die Kulturbürgermeisterin muss umständlich zu diesem Event eingeflogen werden. Ein Teil der Strecke legt sie und ihr Team auf Flössen auf dem Karl-Heine-Kanal zurück, wo Biber aus Scheiß an den schwimmenden Baumstämmen wackeln. Sie schwört, nie wieder einen Fuß nach Lindenau oder Plagwitz zu setzen.
Der geniale Direktor des Naturkundemuseum Leipzig macht aus der Not eine Tugend und erklärt das Konzept des neuen „Museum of Climate und Natural Science“ zu einem „Live Museum of Natural Rollback“ – es wird einfach gar nichts unternommen und den Besuchern gezeigt, wie u.a. Moose Mauerwerk besetzen. Wenn denn Besucher kommen würden.
Und dann? Einige Jahrzehnte passiert gar nichts. Die Natur übernimmt immer mehr. Seltene Tierarten breiten sich aus. Der Leipziger Westen wird zum Sagen- und Sehnsuchtsort…
Und aber nun dann? Ja… findige Geschäftsleute organisieren superteure Abenteuereisen in den Leipziger Westen. Die dort verbliebenden, vom Inzest schwer gezeichneten Anwohner, die sogenannten Neo-Natives werden engagiert, um vermeintliche Rituale vorzuführen, mehr Fake als den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechend. Doch da viele Vorfahren in der Off-Theaterszene haben, immerhin sehr überzeugend. Geld fließt wieder in den Westen. Kleine Open-Air-Küchen eröffnen. Das touristische Interesse wächst. Die The New York Times spricht vom „Hottest Place on Earth“. Die Spirale dreht sich weiter…
Ja, aber was dann? Ok… Die Brücke ist dann fertig, der Verkehr fließt wieder und alles ist so wie gestern. Schön.

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